von Florian Reichart

Seit die DVD Ende der 1990er-Jahre auf den Markt kam, hat sie für mich immer einen besonderen Wert in einer Hinsicht gehabt: Ich spreche hier weder von der Möglichkeit, direkt auf Kapitel zuzugreifen und nicht mehr ewig herum zu spulen, auch nicht von den zahlreichen Bonus-Materialen, die in einigen Fällen sicherlich äußerst sehenswert sind. Noch spreche ich von der besseren Bildqualität im Vergleich zur VHS-Kassette und der einst stark propagierten, dann aber schnell wieder fallen gelassenen Idee von “multiplen, frei wählbaren Kameraperspektiven”. Die wahre Revolution der DVD war für mich immer die Möglichkeit, direkt auf die Originalfassungen der Filme zuzugreifen und die Option auf Untertitel zu haben. Sicherlich gab es davor auch schon die Möglichkeit, VHS-Kassetten in Originalsprache mit Untertiteln zu kaufen oder Filme mit Untertiteln im Fernsehen aufzunehmen. Den Durchbruch auf diesem Gebiet schaffte aber zweifelsohne erst die DVD.

Diese Entwicklung darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass Deutschland immer noch ein “Synchro-Land” ist, sprich, dass hierzulande – vor allem im Bereich der größeren Kino-Filme – fast alles ins Deutsche synchronisiert wird. Wer denkt, dass dies überall auf der Welt so sei, der täuscht sich. Abgesehen von ein paar wenigen anderen größeren Ländern mit einer wirtschaftlich einigermaßen relevanten Filmindustrie (z.B. Frankreich oder Spanien) wachsen die Menschen in den meisten Ländern mit Untertiteln in Fernsehen und Kino auf. Es wäre einfach finanziell viel zu aufwendig, sämtliche ausländischen Filme, die z.B. nach Finnland oder Bulgarien gelangen, ins Finnische oder Bulgarische zu synchronisieren. Untertitel sind schneller und vor allem auch billiger gemacht. In Deutschland ist die Filmindustrie und die Tradition immerhin so groß, dass die Synchronisation noch nicht “abgewrackt” wurde – trotz des größeren Interesses an Originalversionen, das mit der DVD aufkam. Ich möchte an dieser Stelle klar stellen, dass die Synchronisation eines Filmes durchaus auch eine Kunst sein kann und ich möchte nicht den Anschein erwecken, ich würde mit Verachtung auf diesen Berufszweig schauen. Ebenso möchte ich aber auch klar stellen, dass ich eine untertitelte Originalfassung eines Films so gut wie immer einer Synchronfassung vorziehe, da diese Version meiner Meinung nach erheblich näher am Original des Regisseurs ist.

Das eben Gesagte gilt für mich für Filme aus allen Ländern, doch ich möchte an dieser Stelle die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass die Synchronisation von ausländischen Filmen in bestimmten Fällen ein besonders schwerwiegender Eingriff in die Originalität und die Idee des Films sein kann. Dies ist meiner Meinung nach in zwei Fällen gegeben:

  1. wenn der Film unterschiedliche Sprachen verwendet und Kommunikationsprobleme aufgrund von Sprache thematisiert.
  2. wenn der Film in einer Sprache gedreht ist, die zu einer Minorität innerhalb des Produktionslandes gehört.

Der erste Punkt scheint recht klar zu sein, der zweite bedarf möglicherweise der näheren Erläuterung. Was damit gemeint ist: Wenn ich einen synchronisierten Film aus Frankreich oder Italien sehe, dann bin ich mir im Klaren darüber, welche Sprache mir durch die deutsche Synchronisation gerade vorenthalten wird, nämlich in diesem Fall Französisch und Italienisch. Problematisch wird es, wenn – um jetzt einmal ein etwas abstraktes Beispiel zu bemühen – die dänisch-sprachige Minderheit in Schleswig-Holstein einen Film drehen würde, der dann im Ausland unter dem Etikett “aus Deutschland” unterwegs ist. Genau dies ist auch der Fall mit Filmen aus der frankophonen kanadischen Provinz Québec, denen dieses Blog hier gewidmet ist. Natürlich werden mehr Menschen auf der Welt wissen, dass es in Kanada eine frankophone Provinz gibt als solche die wissen, dass Schleswig-Holstein eine dänisch-sprachige Minderheit besitzt. Trotzdem darf man wohl annehmen, dass die meisten Menschen Kanada immer noch mit der englischen Sprache verbinden. Wenn ein Film aus Québec komplett ins Deutsche synchronisiert wird, dann könnte hier mitunter die Annahme entstehen, die vorenthaltene Sprache sei nicht das Französische, sondern das Englische.

Ein besonders schwerwiegendes “Synchron-Verbrechen” scheint deshalb die deutsche Fassung des populären kanadisch-québeckischen Films Bon Cop, Bad Cop (Regie: Eric Canuel, deutscher Titel: Good Cop, Bad Cop) zu sein. Auf den Film treffen nämlich beide eben angesprochenen Punkte zu. In dieser Kriminalkomödie geht es um einen anglophonen Polizisten aus der Provinz Ontario und einen frankophonen Polizisten aus der Nachbarprovinz Québec. Eine Leiche wird genau auf der Grenze zwischen den beiden Provinzen gefunden und die beiden sehr unterschiedlichen Polizisten werden von ihren Vorgesetzten dazu genötigt, den Fall gemeinsam aufzuklären, was selbstverständlich zu jeder Menge Reibereien führt. Das eigentlich interessante an dem Film ist weniger der recht konventionelle Kriminalplot, sondern eben der Zusammenstoß von anglo- und franko-kanadischer Sprache und Kultur. Vorurteile und Stereotypen werden genüsslich durch den Kakao gezogen. Es wird dabei sowohl Englisch als auch Französisch gesprochen, die Sprachanteile halten sich in etwa die Waage. Wenn also ein Film wie dieser seiner Originalsprachen und seiner Zweisprachigkeit durch eine lediglich deutsche Synchronisation beraubt wird, die alles über einen Sprach-Kamm schert, dann kann man hier nur noch von einer Kastration der eigentlichen Idee des Films sprechen. Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass die deutsche DVD dankenswerterweise auch noch die Originalfassung enthält, aber gerade hier hätte man sich eine Synchronisation doch wirklich sparen können. Es darf wohl auch stark angenommen werden, dass der Film bei einer Fernsehausstrahlung im deutschen Fernsehen in der Synchronfassung gezeigt werden wird. In solchen Fällen wünscht man sich dann vielleicht doch manchmal, die Synchron-Branche möge ein sterbender Dinosaurier sein. Oder, da wir gerade von Bon Cop Bad Cop sprechen: Möge der Serien-(Sprachen)-Killer eliminiert werden.